Ich dachte, ich sei gleichberechtigt: nicht theoretisch oder politisch, sondern ganz selbstverständlich.
Ich dachte: Wenn ich etwas will, kann ich es erreichen. Vielleicht muss ich hart dafür arbeiten, aber grundsätzlich kann ich alles werden, alles tun, überallhin gehen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es für mich Grenzen gab. Alle müssen doch hart arbeiten, das gilt doch für alle gleichermassen, ich bin also keine Ausnahme. Ich habe auch dieselben Rechte, gar keine Frage. Natürlich war ich gleichwertig, natürlich standen mir dieselben Möglichkeiten zu. Ich lebte mit dem Selbstverständnis, dass mein Geschlecht nicht darüber entscheidet, was ich darf, kann oder aus meinem Leben mache.
Lange Zeit war mein Ziel, eine Familie zu haben. Als ich kurz vor meinen Vierzigern stand und noch kein Kind hatte, geschweige denn einen Partner, mit dem ich mir eine Familie vorstellen konnte, ging ich zum ersten Mal wirklich in mich. Ich stellte fest, dass der Weg, den ich eingeschlagen hatte, nicht ganz zu mir passte. Aber das war ja kein Problem, denn ich war flexibel, unabhängig, konnte mich an neue Umstände anpassen, lernte sehr gerne neue Dinge und mir stand doch alles offen. Ich hatte sehr gute Ausbildungen und Leistungsausweise und war noch jung. Ich war Anfang 40 und felsenfest davon überzeugt, dass mir die Welt offenstand und ich alles machen könnte, wenn ich es nur gut genug machte und wirklich wollte. Ich dachte, dass es keine Grenzen gäbe. Zumindest keine, die etwas mit meinem Geschlecht zu tun hätten.
In wenigen Tagen werde ich 53 Jahre alt und schaue auf mein Leben zurück, und je länger ich darauf schaue und mich damit auseinandersetze, umso mehr sehe ich Grenzen. Überall. Es waren Widerstände, Hindernisse, Steine, die ich aus dem Weg geräumt habe. Und ich frage mich, wie ich sie so lange übersehen konnte.
Vielleicht deshalb, weil ich sie nicht als das gesehen habe, was sie auch waren: gesellschaftliche Grenzen, die mir als Frau gesetzt wurden. Bei jedem Hindernis dachte ich, ich müsse mich einfach noch ein bisschen mehr anstrengen, noch besser werden, noch belastbarer, noch angepasster, noch vernünftiger, noch freundlicher, noch verständnisvoller, noch bedingungsloser. Wenn etwas nicht funktionierte, suchte ich den Fehler bei mir, also veränderte ich mich, passte meine Strategie an, lernte dazu. Ich mochte Veränderungen wirklich. Die Welt da draussen konnte ich nicht ändern, aber ich konnte anders auf sie blicken, anders mit ihr umgehen, und weil ich immer wieder einen Weg fand, bestätigte sich meine Überzeugung: Die Welt steht mir offen.
Heute denke ich: Diese Welt da draussen ist nicht für mich gemacht!
Nichts von dem, was ich erreicht oder geschafft habe, war wirklich selbstverständlich. Ich habe nur vieles dafür gehalten. Vielleicht lag genau darin einer meiner grössten Irrtümer. Ich dachte nicht nur, dass ich dieselben Rechte habe, ich dachte auch, dass es selbstverständlich sei, diese Rechte einzufordern. Wenn etwas ungerecht war, sprach ich es an, wenn etwas nicht stimmte, widersprach ich, wenn mir etwas zustand, forderte ich es ein, wenn eine Autorität etwas von mir verlangte, was ich für falsch hielt, gehorchte ich nicht einfach, nur weil sie eine Autorität war.
Und genau damit war ich immer wieder unangenehm. Ich galt als schwierig, stur, anstrengend oder unbequem. Lange dachte ich, das sage etwas über mich aus, also suchte ich den Fehler bei mir und versuchte, verständnisvoller, diplomatischer, angepasster zu werden.
Heute frage ich mich etwas anderes: Wie wäre dasselbe Verhalten bewertet worden, wenn ich ein Mann gewesen wäre? Hätte man mich dann auch schwierig und stur genannt? Oder konsequent, durchsetzungsstark und selbstbewusst?
Für mich war selbstverständlich: Meine Stimme zählt genauso viel wie die eines Mannes. Gleiche oder gleichwertige Arbeit verdient gleichen Lohn. Eine vorgesetzte Person ist nicht mehr wert als ich. Gleiches Pensum bedeutet gleiche Arbeitszeit. In einer Partnerschaft bedeutet Gleichberechtigung nicht stur 50:50, sondern dass beide nach ihren Möglichkeiten beitragen. Und wenn mir etwas rechtlich zusteht, darf ich dieses Recht auch einfordern, ohne mich dafür entschuldigen zu müssen.
Ich wollte damit nie mehr als andere. Ich nahm nur selbstverständlich für mich in Anspruch, dass das, was für alle gilt, auch für mich gilt.
Erst heute erkenne ich, dass selbst dieses Selbstverständnis nicht selbstverständlich war. Ich bin 1973 geboren und wuchs mit dem Gefühl auf, als Mädchen nicht weniger Rechte zu haben als ein Junge. Gleichzeitig lebe ich in einem Land, in dem Frauen das Stimm- und Wahlrecht auf Bundesebene gerade erst erhalten hatten und in dem Frauen in Appenzell Innerrhoden noch bis 1990 vom kantonalen Stimm- und Wahlrecht ausgeschlossen waren. Als ich mich 1998 scheiden liess, kannte das Schweizer Scheidungsrecht noch die Schuldfrage. Mein eigenes Selbstverständnis war teilweise weiter als das Recht und auch weiter als die gesellschaftliche Realität.
Vielleicht habe ich gerade deshalb so lange nicht erkannt, was hinter vielen meiner Kämpfe steckte. Ich habe nicht bewusst für Gleichberechtigung gekämpft, ich habe gelebt, als wäre sie längst da. Und wenn die Wirklichkeit damit kollidierte, dachte ich nicht, die Gesellschaft müsse sich ändern, ich dachte, ich müsse einen besseren Weg finden.
Das hat Kraft gekostet, sehr viel Kraft. Ich bin seit Jahren müde und habe mich oft gefragt, warum. Heute frage ich mich, wie viel dieses ständige Überwinden von Widerständen damit zu tun hat: Hindernisse aus dem Weg räumen, Lösungen finden, erklären, begründen, sich rechtfertigen, weitermachen. Ich hielt das für das Leben. Vielleicht war ein Teil davon aber auch schlicht das Leben einer Frau, die ihre Gleichwertigkeit für selbstverständlich hielt, obwohl sie es für ihre Umwelt offenbar nicht immer war.
Und heute bin ich wütend.
Weil Frauen seit Generationen für etwas kämpfen, das längst selbstverständlich sein sollte, und sich noch immer dafür rechtfertigen müssen. Mich hat zutiefst erschüttert, dass wir in der Schweiz noch vor wenigen Jahren darüber diskutierten, ob Sex die Zustimmung beider Menschen voraussetzen muss, und sich "Nur Ja heisst Ja" nicht durchsetzte. Dass selbst darüber noch verhandelt werden musste, was für mich vollkommen selbstverständlich ist: Mein Schweigen ist kein Ja, meine Passivität ist kein Ja, nur meine Zustimmung ist ein Ja.
Ich bin wütend, dass Frauen noch immer um Schutz vor Gewalt und um Schutzräume kämpfen müssen, dass bei Forderungen nach Gleichberechtigung reflexartig gefragt wird, ob Frauen dann gefälligst auch ins Militär müssten und gleichzeitig haben Väter noch immer nicht dieselben Möglichkeiten wie Mütter, nach der Geburt für ihre Kinder da zu sein.
Gleichberechtigung bedeutet für mich nicht, Frauen und Männer unter allen Umständen identisch zu behandeln. Sie bedeutet, dass das Geschlecht nicht darüber entscheidet, welchen Wert, welche Möglichkeiten, Pflichten, Freiheiten oder Sicherheiten ein Mensch hat.
Meine Müdigkeit kommt vom jahrelangen Kämpfen, meine Wut kommt daher, dass dieser Kampf noch immer nötig ist.
Und dabei bin ich bei Weitem nicht die Erste. Die Rechte, die ich für selbstverständlich hielt, sind nicht vom Himmel gefallen. Frauen haben sie erkämpft, gegen enormen Widerstand, gegen gesellschaftliche Normen, gegen Männer, aber auch gegen Frauen, die fanden, es sei doch alles gut so, wie es sei.
Und heute wundert mich nicht mehr, dass Frauen wütend sind. Mich wundert vielmehr, wie lange ich es nicht war.
Vielleicht ist das die Erkenntnis, die mich gerade so erschüttert: Ich habe mein halbes Leben lang versucht, gut genug für diese Gesellschaft zu sein. Und langsam beginne ich mich zu fragen: Wann ist eigentlich diese Gesellschaft endlich gut genug für uns?



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