Essay: Wenn Arbeit krank macht und der Mensch unsichtbar wird

 

Unsichtbar werden

Manchmal frage ich mich, wie lange ein Mensch durchhalten kann, ohne gesehen zu werden. Ohne dass jemand wirklich wahrnimmt, was in ihm vorgeht, ohne dass jemand hinschaut und sagt: "Ich sehe dich, ich sehe, wie sehr du dich bemühst, wie viel du gibst."
Ich frage mich, ob es irgendwann einen Punkt gibt, an dem man einfach innerlich aufhört zu hoffen - nicht, weil man verbittert wäre, sondern weil das Hoffen selbst zu anstrengend geworden ist.

Immer wieder neu anfangen

Ich habe so viele Jahre gehofft. Ich habe geglaubt, wenn ich mich weiterbilde, wenn ich mich anpasse, wenn ich freundlich bleibe, ruhig, sachlich, lösungsorientiert, dann wird eines Tages jemand merken, was in mir steckt. Ich habe es immer wieder versucht, habe immer wieder neu angefangen, in der Hoffnung, dass ich diesmal an den richtigen Ort komme, zu den richtigen Menschen, in ein Umfeld, das nicht nur Leistung misst, sondern den Menschen sieht, der dahintersteht.
Oft durfte ich einen kurzen Einblick haben, durfte sehen, was möglich wäre - doch am Ende hiess es immer wieder: tut uns leid, wir haben uns für jemand anderen entschieden.

Funktionieren statt leben

Und dann lande ich immer wieder dort, wo ich mich klein mache, um dazuzugehören, wo ich mir selbst sage, dass ich dankbar sein soll, überhaupt eine Stelle zu haben. Wo ich ausharre, obwohl es mir nicht gut tut. Ich spüre, wie mein Wert sich an Zertifikaten, Wunschvorstellungen und Formulierungen misst, nicht an mir als Mensch.
Ich arbeite, ich funktioniere, ich bleibe loyal, auch dann, wenn ich innerlich längst erschöpft bin. Und trotzdem höre ich nicht auf, mich zu bemühen, weil irgendwo in mir noch dieser leise Glaube lebt, dass es anders sein könnte - dass es Menschen gibt, die sehen, was ich bin, nicht nur, was ich tue.

Der Preis der Anpassung

Aber ehrlich gesagt, ich mag nicht mehr rennen. Ich mag nicht mehr in dieser Dauerschleife leben, zwischen Hoffnung und Ernüchterung, Anpassung und Positivismus. Ich will nicht mehr die sein, die sich angleicht, nur um dazuzugehören. Ich will nicht mehr ständig stark sein müssen, um nicht unterzugehen.
Ich will einfach nur noch echt sein - ohne Angst, dass Echtheit wieder als Schwäche ausgelegt wird. Denn in einer Gesellschaft, die ständig Stärke fordert, gilt Müdigkeit als Makel. Wer innehält, gilt als unproduktiv. Wer zweifelt, als schwierig. Dabei sind genau diese Momente das, was uns menschlich macht.

Die Reissleine

Ich habe 2016 die Reissleine gezogen, bevor ich ganz zusammengebrochen wäre. Ich habe die Stelle gekündigt, um mich zu retten. Damals dachte ich, ich würde bald wieder Fuss fassen - an einem Ort mit Sinn, mit Menschlichkeit, mit Platz für echte Begegnung.
Aber seither bin ich nirgends wirklich angekommen. Ich arbeite, ja, manchmal, aber nicht, weil es mich erfüllt, sondern weil ich leben muss. Und mit jedem Jahr wird es schwieriger, weil die Arbeitswelt Menschen wie mich nicht mehr sucht: zu alt, zu reflektiert, zu unabhängig vielleicht, zu ehrlich, vielleicht auch zu klar - nicht mehr ausnutzbar.

Das System und seine Grenzen

Ich weiss, dass ich viel kann. Ich weiss, dass ich Verantwortung übernehme, dass ich mitdenke, dass ich mich weiterentwickle. Aber all das scheint nichts mehr zu zählen, wenn man einmal aus dem System gefallen ist.
Die Gespräche beim RAV sind ein Spiegel dafür: kein echtes Interesse, keine Empathie, bloss Vorgaben, Zielvereinbarungen, Sanktionsandrohungen. Ich sitze da und höre, was ich angeblich noch tun soll, obwohl ich längst alles getan habe. Und irgendwo zwischen all den Formularen verliere ich den Glauben daran, dass man mich überhaupt noch als Mensch sieht.
Vielleicht liegt das Problem tiefer: in einer Gesellschaft, die lieber kontrolliert als vertraut, die Leistung misst, aber Sinn kaum noch kennt, und in der Menschen immer schneller ersetzt werden, wenn sie nicht mehr reibungslos funktionieren.

Wenn Glück versiegt

Ich sage mir, es liegt nicht an mir. Andere sagen es auch. Und doch nagt die Frage, ob ich etwas übersehe, ob ich zu viel will oder einfach nur zu wenig Glück habe. Vielleicht ist es das - vielleicht hat mich das Glück verlassen, jedenfalls im Beruf.
Aber ich bleibe hier, mit meiner Hoffnung, mit meinem Willen, mit diesem kleinen inneren Feuer, das sich weigert, zu verlöschen. Weil ich weiss: es gibt noch mehr als das.

Zwischen Resignation und Hoffnung

Ich gebe nicht auf, aber ich mag auch nicht mehr rennen. Ich will mir erlauben, müde zu sein, und trotzdem bei mir zu bleiben - nicht mehr funktionieren, sondern fühlen, denken, sein. Vielleicht braucht es genau das: aufzuhören zu kämpfen, um wieder zu spüren, dass man lebt.
Ich habe keine Lust mehr auf Rollen, auf Masken, auf Strategien. Ich will echt sein. Ich nehme mir eine Pause, nicht aus Schwäche, sondern aus Selbstachtung. Weil ich mehr bin als ein Dossier, mehr als ein Lebenslauf, mehr als die Summe meiner Bewerbungen. Ich bin ein Mensch, mit Erfahrung, mit Tiefe, mit Würde und mit Herz.
Vielleicht ist genau das, was unsere Arbeitswelt vergessen hat: dass Menschlichkeit keine Ressource ist, sondern ihr Fundament.

Wie es weitergeht? Ich habe sowas von KEINE AHNUNG!!!

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Kommentare

  1. Liebe Monia, ich unterstreiche jedes einzelne Wort und fühle mit dir. Mir geht es genauso. Unsichtbar, müde, keine Aufgabe und sowas von keine Ahnung, wie es weitergehen soll! Ich wünsche dir und mir Kraft, Herz, Mitgefühl und Menschlichkeit und Klarheit auf dem Weg nach innen. Fühl dich herzlichst umarmt 🤗

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