Bewerben bis zum Burnout? (Teil 4)
Ein Blick zurück: Struktur und Übersichtlichkeit
Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Bewerbungen: Damals sass ich an einer elektronischen Schreibmaschine, die Textbausteine speichern konnte - eine kleine Revolution für mich. Während andere alles neu tippten (oder noch von Hand schrieben), konnte ich bereits einzelne Abschnitte anpassen und die Maschine rattern lassen. Technisch affin war ich schon immer. Die Stellensuche schien einfach, oder zumindest übersichtlich.
Es gab den Stellenanzeiger (als Zeitung) oder die Gemeinde als regionales Arbeitsamt. Wer eine Stelle suchte, kaufte am Samstag die Zeitung, und mit etwas Glück waren einige Stellen ausgeschrieben, die passten. Einmal hatte ich das Glück, dass mich die Einwohnergemeinde im Sommer 1994 auf eine offene Stelle aufmerksam machte, die nicht in der Zeitung stand. Ich arbeitete anschliessend fast 10 Jahre in dem Unternehmen.
Heute: Überfluss statt Übersicht
Heute hingegen scheint es unendlich viele Wege zu geben: Jobportale, LinkedIn, Firmenwebseiten, Plattformen der öffentlichen Hand, private Vermittlungsfirmen, Branchenverbände, Netzwerke, Empfehlungen, soziale Medien. Was nach Vielfalt klingt, bedeutet in Wahrheit oft eines: viel mehr Aufwand.
Herausforderungen der digitalen Suche:
- Die Stellen sind verstreut auf unzählige Plattformen
- Einige Portale führen alte oder längst besetzte Stellen weiter auf
- Eine Stelle ist auf mehreren Portalen, was den Eindruck erweckt, es gäbe sehr viele offene Stellen
- Es gibt immer mehr verdeckte Stellen, also solche, die nie öffentlich ausgeschrieben werden und nur jenen zugänglich sind, die offen über ihre Stellensuche sprechen können
- Der Suchalgorithmus ersetzt nicht die gezielte Recherche
Trotzdem hält sich hartnäckig die Vorstellung: "Wer sucht, findet. Wer will, schreibt wöchentlich zwei, drei Bewerbungen." - auf Inserate, die wirklich passen.
Doch so einfach ist es nicht.
Gerade wer einen klaren Berufswunsch, ein bestimmtes Pensum oder eine regionale Einschränkung hat, merkt schnell: Die passende Stelle ist nicht jede Woche verfügbar. Manchmal nicht einmal jeden Monat. Und scheinbare Optionen entpuppen sich als Wiederholungen, als Karteileichen oder als Angebote, die schlicht nicht passen.
Was daraus entsteht:
- Ein permanentes Suchen mit unklarem Fokus
- Ein Gefühl, immer zu wenig zu tun
- Eine stille Erschöpfung durch digitale Dauerrecherche
- Der Druck, trotzdem "aktiv" zu wirken – gegenüber RAV, Bekannten, sich selbst
In einer Zeit, in der alles möglich scheint, fällt es schwerer denn je zu sagen: Es gibt nichts Passendes. Denn es klingt wie eine Ausrede - obwohl es die Realität ist.
Vielleicht braucht es einen neuen Blick auf Aktivität. Vielleicht ist gezieltes Abwarten klüger als hektisches Streuen. Und vielleicht sollten wir endlich anerkennen:
Viel Angebot bedeutet nicht automatisch viele Chancen.
Blick in die Zukunft: Hoffnung KI?
Vielleicht wird künstliche Intelligenz eines Tages tatsächlich helfen, diese mühsame Suche zu erleichtern: durch bessere Filter, intelligentere Vorschläge und klarere Zuordnungen. Sie könnte:
- Streuverluste minimieren
- Dubletten und veraltete Inserate ausblenden
- Stellen nach persönlichen Werten, Fähigkeiten und Rahmenbedingungen sortieren
- Bewerbungsprozesse transparenter und menschlicher gestalten
Die Hoffnung ist berechtigt. Denn rein technisch wäre vieles heute schon möglich.
Doch aus meiner eigenen Erfahrung - und gerade in den letzten Wochen - weiss ich: Noch ist das Versprechen nicht eingelöst. Noch ist das Suchen mühsam, fragmentiert, fehleranfällig. Noch braucht es Geduld, Durchhaltewillen und sehr viel Eigenleistung. Sehr, sehr, sehr viel Eigenleistung.
Und du?
Bist du selbst auf Stellensuche und kennst das Gefühl, dich durch unzählige Portale, Inserate und Wiederholungen zu klicken, oft ohne Resultat? Oder arbeitest du mit Menschen, die auf Jobsuche sind, und beobachtest, wie zermürbend das sein kann?
Dann teile gerne diesen Beitrag. Kommentiere, stelle Fragen, oder nimm ihn zum Anlass, das Thema in deinem Umfeld sichtbar zu machen: am Arbeitsplatz, mit Kolleg:innen, mit Bekannten.
Denn: Je mehr wir offen darüber sprechen, desto eher verändert sich etwas.



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